Rückblick: Vier Jahre IG Metall-Arbeit

Am 9. Oktober beginnt der Gewerkschaftstag. Zwischen ihm und dem letzten vor vier Jahren liegt eine Zeit dramatischer Ereignisse: Finanzkrise, Fukushima, Eurokrise. Die IG Metall mischte sich massiv ein und half mit, dass die Wirtschaft die Krise gut überstand.

Die vier Jahre waren aber auch eine Zeit der Kampagnen, etwa für Leiharbeitnehmer, und der Reformen in der IG Metall. Was die IG Metall alles bewegte und anstieß – nachfolgend ein Überblick:

Erfolgreich im wirtschaftlichen Auf und Ab

Keine zehn Monate nach dem Gewerkschaftstag 2007 geht die Krise richtig los. Die IG Metall reagiert sofort. Sie fordert, die Finanzmärkte zu regulieren. Im Dezember 2008 legt sie dann ihr Sieben-Punkte-Programm vor: Kurzarbeit verbessern. Leiharbeitnehmer schützen. Die Konjunktur stabilisieren, durch einen Investitionsfonds und die Abwrackprämie. Öffentliche Bürgschaften für Krisenbetriebe. Mehr Mitbestimmung. Im März 2009 macht sich die IG Metall in einem Aktionsplan für einen öffentlich finanzierten “Rettungsschirm” für existenzgefährdete Firmen stark.

Was die IG Metall politisch durchsetzen kann, entwickelt sich zur Erfolgsstory. Vor allem die verbesserte Kurzarbeit. Im Juni 2009 erhalten 1,4 Millionen Arbeitnehmer Kurzarbeitergeld. Rein rechnerisch werden dadurch rund 432 000 Vollzeitstellen gerettet. Kurzarbeiten statt entlassen – das wird zu einem international beachteten Erfolgsmodell, denn es ist mit Ursache dafür, dass die deutsche Wirtschaft nach der Krise wie keine andere Volkswirtschaft den schnellen Aufschwung schafft.

Im November 2008 beginnt für die Metall-Beschäftigten eine neue Tarifrunde. Obwohl mitten in der Krise, bringt sie 4,2 Prozent mehr Geld plus 510 Euro Einmalzahlung. Das “Jobpaket“, welches die IG Metall dann im Herbst 2009 schnürt, steht unter der Maxime: Arbeitsplätze erhalten. Ergebnis: tarifliche Regelungen für zusätzliche Arbeitszeitverkürzungen in Krisenbetrieben mit Teillohnausgleich und neue Übernahmeregelungen für Auszubildende. Spätestens ab April 2011 außerdem: 2,7 Prozent mehr Geld.

Kurswechsel für ein gutes Leben
Die Krise mit Kurzarbeit auffangen hat oberste Priorität, reicht aber nicht, findet der Erste Vorsitzende der IG Metall Berthold Huber Ende 2008. Wir müssen die Urheber der Krise stoppen: entfesselte Finanzmärkte, die Betriebe, Menschen und ganze Staaten vor sich her und in den Ruin treiben. Mit seinem Buch “Kurswechsel für Deutschland” eröffnet Huber eine Wertedebatte – und eine Initiative für eine neue soziale und ökologische Demokratie: Kurswechsel für ein gutes Leben.

Bester Abschluss
Im September 2010 führt die IG Metall die erste Tarifrunde der Nachkrisenzeit für die Stahlindustrie: Die 3,6 Prozent, im Oktober erreicht, sind der höchste Tarifabschluss des Jahres.

Mitbestimmen: Jobs sichern, Zukunft gestalten
Betriebsräte und IG Metall bestimmen mit in den Betrieben und setzen in der Krise kürzere Arbeitszeiten und neue Ideen statt Entlassungen durch. Das rettet hunderttausende Jobs. Trotzdem greifen Wirtschaftskreise die Mitbestimmung an und wollen Arbeitnehmerrechte beschneiden. Chefs versuchen mit miesen Tricks und üblen Anwälten Betriebsräte zu verhindern. Doch die IG Metall hält dagegen, verteidigt Arbeitnehmerrechte und baut sie in vielen Unternehmen aus. Viele Belegschaften, die früher nichts zu melden hatten, etwa in IT-, Windkraft- oder Solarbetrieben, wählen erstmals Betriebsräte. Und immer öfter kümmern sich Betriebsräte vorausblickend um Innovation und die Zukunft der Arbeitsplätze.

Unter Beobachtung: Arbeitnehmerdaten schützen
Arbeitgeber überwachen Beschäftigte per Kamera, lesen heimlich E-Mails oder kontrollieren Telefongespräche. Datenschutzskandale bei Lidl, Deutsche Bahn und Telekomerregen die Öffentlichkeit. Die IG Metall fordert seit langem ein Arbeitnehmerdatenschutzgesetz. Der Gesetzentwurf der Bundesregierung fällt bei der IG Metall durch. Zuviel Freiheiten für Arbeitgeber und weniger Schutz für Beschäftigte als vorher.

Breiter Widerstand formiert sich 2010 gegen staatliche Datensammelei. Betriebsräte und Gewerkschaften protestieren gegen den elektronischen Entgeltnachweis, “Elena“. Hier sollen alle Arbeitnehmerdaten, darunter auch Streiktage, erfasst werden. Im Sommer 2011 dann die gute Nachricht: Elena soll abgeschaltet werden.

Kein Platz für Rassismus – gegen Nazis und Intoleranz
Für Menschenwürde und Toleranz, gegen Rassismus und Rechtsextremismus – die IG Metall ist vorne mit dabei. Metaller stellen sich Nazi-Aufmärschen von Köln bis Dresden entgegen. Auch wenn sie Opfer von Nazi-Schlägertrupps werden, wie am ersten Mai 2009 in Dortmund, und persönlich bedroht werden. Denn es ist ernst: In vielen Landstrichen sind Neonazis, oft als Bürgerinitiativen getarnt, schon gesellschaftsfähig geworden.

Courage gegen Rechts mit Spaß zeigt die IG Metall-Jugend mit witzigen Aktionen und Netzwerken mit Slogans wie “NPD? Och nö!” oder “Kein Sex mit Nazis”. Seit Anfang 2011 ist die IG Metall auch bei der Initiative “Respekt! Kein Platz für Rassismus” dabei. Über 100 Betriebe machen mit vielfältigen Aktionen mit.

Klima, Energie und Umwelt – den Wandel gestalten

Anti-AKW-Proteste im April 2011

Mit einer Menschenkette vom AKW Brunsbüttel nach Krümmel demonstrieren im April 2010 Tausende für den Ausstieg aus der Atomenergie. Darunter hunderte Metaller. Nur knapp ein Jahr später kommt es zur Reaktorkatastrophe in Fukushima. Die IG Metall fordert ihre Mitglieder auf, bei bundesweiten Kundgebungen gegen Atomenergie mitzumachen und setzt sich für eine Energiewende ein: Weg vom Atomstrom hin zu erneuerbarer Energie.

Für die IG Metall ist klar: Die wirtschaftliche Zukunft hängt von umweltfreundlichen Technologien ab. Und diesen Strukturwandel muss der Staat aktiv fördern. Ein Thema gewinnt dabei an Gewicht: Elektromobilität. 2009 setzt sich Berthold Huber für einen Branchenrat ein, der die Politik beraten soll. Ein Jahr später entsteht die “Nationale Plattform Elektromobilität“. Sie erarbeitet Vorschläge, damit Deutschland bei der Entwicklung und Produktion von Elektrofahrzeugen die Nase vorn hat.

Flexibel und gesund in Rente – Brücken zwischen Jung und Alt
Die Menschen sollen länger arbeiten und weniger Geld aus der gesetzlichen Rente bekommen. Dieses Ziel verfolgt die Politik seit einigen Jahren und hat dazu die Weichen gestellt. Beschäftigten, die hart gearbeitet haben und gesundheitlich nicht mehr können, wurden vorzeitige Ausstiegsmöglichkeiten nach und nach genommen. So wird die Altersteilzeit seit 2010 nicht mehr staatlich gefördert.

In den Betrieben hält die IG Metall dagegen. 2008 schließt sie mit den Arbeitgebern den Tarifvertrag zum flexiblen Übergang in die Rente, kurz “FlexÜ“, ab. Er gilt seit 2010 und bis 2016. Auch junge Beschäftigte finden es gut, dass es weiter Altersteilzeit gibt. Schließlich ist sie für Auszubildende oft eine Brücke in den Job.

Die IG Metall setzt sich allerdings nicht nur für einen flexiblen Ausstieg aus dem Berufsleben ein. Unternehmen müssen in Zukunft mit Belegschaften arbeiten, die ein höheres Durchschnittsalter haben. Das geht nur, wenn Arbeitsplätze von Anfang an alternsgerecht gestaltet werden. Da gibt es noch eine Menge zu tun.

Fair wirkt – Leiharbeits-Kampagne in Betrieben erfolgreich
Die Kampagne “Gleiche Arbeit – Gleiches Geld” wirkt. Im April 2008 startet die IG Metall mit Aktionen für faire Löhne und Arbeitsbedingungen in der Leiharbeit. Mit den Hartz-Gesetzen hatte die rot-grüne Bundesregierung einige Jahre zuvor die Spielregeln für Leiharbeit ausgesetzt. Das macht Leiharbeitnehmer für Arbeitgeber attraktiv und lässt ihre Zahl bis zum Beginn der Krise 2008 in die Höhe schnellen.

Leiharbeit erhöht den Druck auf Festangestellte und ihre Löhne. Wissenschaftler beobachten, wie sie Stammarbeitsplätze verdrängt. Die IG Metall fordert die gleiche Bezahlung vom ersten Tag an und den Einsatz von Leiharbeitnehmern wieder zu befristen. Mit einer Roadshow durch ganz Deutschland bringt sie das Thema auf die Marktplätze. Menschen bleiben am IG Metall-Zelt stehen und diskutieren über Leiharbeit. Nur die Politik bewegt sich nicht.

Aktionstag in Kassel

In den Betrieben kommt die IG Metall einen großen Schritt voran. In vier Jahren schließt sie 1200 Besservereinbarungen für Leiharbeitnehmer ab. In der Stahlindustrie vereinbart sie 2010 erstmals einen Tarifvertrag über gleiche Bezahlung für Leiharbeitnehmer. Weit über 30 000 Leiharbeitnehmer treten zwischen 2007 und 2011 der IG Metall bei. Mehr als 10 000 Prominente aus Wissenschaft, Kirche und Politik unterstützen die Kampagne. Beim bundesweiten Aktionstag im Februar 2011 demonstrieren 210 000 Beschäftigte in 1360 Betrieben gegen den “Irrweg Leiharbeit”.

Die Stimmung im Land wandelt sich. Immer mehr Menschen finden es ungerecht, wenn Leiharbeitnehmer weniger verdienen als Festangestellte. Knapp zwei Drittel der Menschen lehnen 2010 Leiharbeit ab. Drei Jahre zuvor waren es erst 40 Prozent.

Zukunft für die Junge Generation – das Top Thema der IG Metall
Junge Menschen haben es immer schwerer, sichere und fair bezahlte Arbeit zu finden. Oft gibt es nur befristete Jobs oder Leiharbeit. Darum kämpft die IG Metall-Jugend mit ihrer “Operation Übernahme” dafür, jungen Menschen nach der Ausbildung eine Perspektive in einem festen Job zu geben. Bundesweit machen Azubis mit fast 300 kreativen Aktionen mit. Und trotz Krise bleiben die meisten drin im Betrieb. Anders als in vielen anderen Ländern, wo die junge Generation auf der Straße landet.

Nicht nur die Jugend, sondern die gesamte IG Metall macht die Situation der jungen Generation zum Top-Thema. Ob in Tarifrunden oder Betriebsvereinbarungen: Überall steht die Zukunft der “Jungen” ganz oben. Auch in den Kampagnen “Gemeinsamfür ein gutes Leben” und “Arbeit – sicher und fair“. Mit Roadshows macht die IG Metall bundesweit Wirbel. Im September 2009 kommen 45 000 Metaller in die Frankfurter Arena. Und im Herbst 2010 gehen Hunderttausende auf die Straßen.

Und anders als die Politik, die über junge Menschen hinweg regiert, fragt die IG Metall in Umfragen und in Betrieben nach: Was sind Eure Probleme? Wie sieht ein gutes Leben für Euch aus? Und was sollen wir gemeinsam angehen? Und immer mehr machen mit. Gerade jetzt, am 1. Oktober, sind über 20.000 “laut und stark” in Köln für ihre Zukunft: für die unbefristete Übernahme in sichere, faire Arbeit.

Gesund und munter: Arbeitsstress abstellen
Arbeits- und Zeitdruck, Wochenendarbeit und Überstunden können krank machen. Dennoch breiten sie sich in den Betrieben aus. Jeder fünfte Mann und jede siebte Frau bezeichnen ihre Arbeitsbedingungen laut einer Studie des Robert-Koch-Instituts als “gesundheitsgefährend”. Die IG Metall setzt sich seit langem dafür ein, die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten zu verbessern und sie vor Gefahren am Arbeitsplatz zu schützen. Mit Instrumenten wie dem “Stressbarometer” oder dem “Arbeitszeit-TÜV” unterstützt sie Betriebsräte, die Arbeitsbedingungen zu prüfen und gegebenenfalls zu ändern.

Verbesserungen kann die IG Metall bei Arbeitsstättenregeln erzielen. Gesetzliche Vorgaben zur Raumtemperatur am Arbeitsplatz werden verbessert. Ein Erfolg der IG Metall, die sich im zuständigen Ausschuss dafür eingesetzt hat. Im Frühjahr 2010 startet sie die Initiative “Gute Arbeit im Büro“. Dabei geht es um gesunde Arbeitszeiten, Ergonomie und weniger Leistungsdruck.

Mitglieder: Mehr und besser
Es ist eines der größten Projekte der vergangenen vier Jahre. Die IG Metall beschließt, sich selbst zu reformieren – um ihre wichtigsten Ziele besser zu erreichen: Mehr Menschen für die IG Metall begeistern und für die Mitglieder noch besser werden. Weil das vor allem Betriebe und die IG Metall vor Ort leisten, gibt es für sie jedes Jahr 20 Millionen Euro zusätzlich.

Die IG Metall baut systematisch betriebliche Strukturen in neuen Branchen auf, in denen Betriebsrat und Gewerkschaft bis dato Fremdwörter sind, etwa in der Windenergie. In Firmen, denen es wirtschaftlich schlecht geht, hilft die neue “Task Force Krisenintervention” Betriebsräten.

Neue Angebote für bestimmte Berufsgruppen entstehen. So gibt es jetzt für Ingenieurinnen und Ingenieure eine eigene IG Metall-Internetseite, Mitglieder-Netzwerke und Bildungsangebote. Oder die Mailings, spezielle Info-Angebote für Arbeitslose und Mitglieder, die die IG Metall nicht über ihre Betriebe erreicht.

Den Service für Mitglieder ständigverbessern – das hat sich die IG Metal lauch für ihre Medien vorgenommen. So ermittelt die metallzeitung regelmäßig in Umfragen, was ihre Leserinnen und Leser wünschen und verbessert ihre Angebote. Auch das Online-Angebot wird laufend verändert.

Die Arbeit der IG Metall der letzten vier Jahre trägt Früchte: Dieses Jahr hat die Zahl der Mitglieder zum ersten Mal seit 22 Jahren wieder zugenommen. Jedes zweite neue Mitglied ist unter 27 Jahre. Die IG Metall wächst und wird jünger.

Der Text ist in ähnlicher Form in der metallzeitung 10/2011 erschienen

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